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Judaica-Sammlung – Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg

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Die Grundsätze der Liebe und Gerechtigkeit im Judenthum von einer jungen Israelitin [9. Brief]

Kategorien

Signatur

Th 730/30

Urheber

Clementine von Rothschild

Datierung

1867

Maße

H 19,6, B 12,5 cm

Material

Papier, Pappe

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Die Grundsätze der Liebe und Gerechtigkeit im Judenthum von einer jungen Israelitin [9. Brief]

© Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg

„Hat uns nicht ein Gott geschaffen?“ – Ein Aufruf zu religiöser Toleranz

von Laura Herr

Ein Brief einer jungen Frau an ihre Freundin, doch kein Austausch über Alltägliches, stattdessen eine religionsphilosophische Abhandlung: Die Jüdin Esther Izates beschreibt und erklärt ihrer christlichen Freundin Ellen die jüdische Religion, wobei sie vielfach Vorurteile widerlegt. Konkret geht es um die Vorstellung der Christen von einem angeblich primär strafenden und tyrannischen Gott im Judentum. Die jüdische Verfasserin beschreibt hingegen eine Gottesvorstellung der Milde und Liebe und zeichnet ein Gottesbild, das Attribute eines gerechten Vaters und einer liebenden Mutter vereint. Dabei stellt sie ihrerseits Grundsätze des Christentums in Frage, indem sie zum Beispiel die Notwendigkeit eines „Vermittlers“ – also Jesus Christus – zwischen Gott, dem Vater, und den Menschen, seinen Kindern, hinterfragt, was im Judentum weder nötig noch denkbar sei. Wer sind diese beiden Frauen? Wann und in welchem Zusammenhang wurde der Brief verfasst? Was steckt hinter dieser Schrift?

Der Brief ist der letzte von insgesamt neun „Briefe[n] an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums", philosophische Essays über die jüdische Religion, die sich an ein christliches Publikum richten. Hinter „Esther Izates“ verbirgt sich Clementine von Rothschild (1845–1865) – Spross der bekanntesten und reichsten jüdischen Familie der Neuzeit. Sie schrieb dieses Buch vor ihrem frühen Tod mit nur 20 Jahren. Ihr Freund, Förderer und Lehrer, der Reformrabbiner Leopold Stein (1810–1882), veröffentlichte die Briefe postum und machte somit Clementine von Rothschilds Ausführungen über das liberale Judentum einem breiten Publikum zugänglich. Bei „Ellen“ handelt es sich um eine fiktive Person, die als Synonym für die – erwünschte – christliche Leserschaft dient. Clementine von Rothschild suchte in ihrem Werk Vorurteile auszuräumen und Außenstehenden die Lehren des Judentums näherzubringen. Die Briefeschreiberin warb für Akzeptanz und plädierte für ein Miteinander der Religionen, indem sie auf deren Gemeinsamkeiten verwies: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen?“, fragte sie und trat so schon Mitte des 19. Jahrhunderts für religiöse Toleranz und Vielfalt ein.

Das Briefbuch ist lebendiges Zeugnis des religionsphilosophischen Diskurses in dieser Zeit; darüber hinaus verweist es auf eine Reihe weiterer Aspekte deutsch-jüdischer Geschichte des 19. Jahrhunderts: Bei Clementine von Rothschild handelte es sich um eine außergewöhnliche Frau. Sie war sehr gläubig und verfügte über eine tiefgehende religiöse und allgemeine Bildung, wie sie untypisch für Frauen ihrer Epoche war, jedoch im liberalen Bürgertum zunehmend üblicher werden sollte. Zeitgleich formierte sich das Reformjudentum als Alternative zu der orthodoxen Religionspraxis einerseits und einer assimilierten Lebensweise andererseits. Frankfurt bildete ein Zentrum dieser neuen Strömung, die ein liberaleres Judentum anstrebte.

Der Ursprung der Familie Rothschild lag ebenfalls in Frankfurt: Hier hatte der Aufstieg von Mayer Amschel Rothschild (1744–1812), Clementines Urgroßvater, aus der Frankfurter Judengasse zu einem bedeutenden Hofbankier begonnen; von hier aus waren seine Söhne in die wichtigsten Metropolen Europas gezogen und hatten ein internationales Finanzunternehmen errichtet, und hier befand sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch immer das Stammhaus der Familie.

Die Rothschilds machten sich sowohl um die jüdische Gemeinde als auch um die Stadt Frankfurt sehr verdient, indem die Familienmitglieder als großzügige Mäzene und Förderer auftraten. Gemäß der jüdischen Tradition stiftete zum Beispiel Clementines Mutter Louise von Rothschild das bis heute bestehende „Clementine-Kinderhospital“, nachdem ihre Tochter einem unbekannten Leiden erlegen war. Später errichtete ihre Schwester Hannah Louise die „Freiherrlich Carl von Rothschildsche öffentliche Bibliothek“, zu deren Bestand auch das vorliegende Werk zählte. Diese Bibliothek wurde 1928 von der Stadt Frankfurt am Main übernommen und der damaligen Stadtbibliothek angegliedert. Inzwischen gehört sie zur Zentralbibliothek der Goethe-Universität. Das Briefbuch der Clementine von Rothschild ist somit Teil des heutigen Bestandes der Universitätsbibliothek und liegt zudem im Online-Portal der „Digitalen Sammlungen-Judaica“ vor. http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica
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Laura Herr ist M. A. in Geschichte. Der Text entstand 2014 im Rahmen der Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe Universität“ und wurde im Katalog veröffentlicht.

Literatur

Georg Heuberger: Die Rothschilds. Beiträge zur Geschichte einer europäischen Familie, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1994.

Barbara Reschke: Full of Talent and Grace. Clementine von Rothschild (1845–1865). Zum 125-jährigen Bestehen des Clementine Kinderhospitals, hg. v. Vorstand der Clementine Kinderhospital – Dr. Christ´sche Stiftung, Frankfurt a. M. 2000.

Hans-Otto Schembs: Jüdische Mäzene und Stifter in Frankfurt am Main, Frankfurt a. M. 2007.