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In der Sammlung

Deutsches Orthopädisches Geschichts- und Forschungsmuseum e. V. an der Orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim gGmbH

Weitere Objekte in dieser Sammlung

Eiserne Lunge Modell E 52

Kategorien

Urheber

Drägerwerke Lübeck

Datierung

1955

Maße

H 205, B 150, T 85 cm

Material

Metall, Kunststoff, Glas, Kabel

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Eiserne Lunge Modell E 52

© Foto: Tom Stern, Copyright: Abt. Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität

Liegenbleiben

von Till Landzettel

Liegenbleiben – das tiefe Verlangen vieler Menschen, wenn morgens der Wecker klingelt, das Kinderspielzeug rasselt oder die Kaffeekanne pfeift. Einfach liegenbleiben und jeden einzelnen Atemzug an diesem Tag im Bett tun, wäre das nicht schön? June Middleton (1926–2009) war eine Meisterin in dieser Disziplin – jedoch nicht freiwillig. 60 Jahre lang verbrachte sie vor ihrem Tod in der Waagerechten, einen Atemzug tat sie während dieser Zeit jedoch nie.

Das erledigte die Eiserne Lunge für sie, eine Maschine, hinter deren prosaischem Namen sich eine komplexe Stahlapparatur verbirgt. Ihre Funktion ist es, Menschen künstlich zu beatmen; vornehmlich Patienten mit Kinderlähmung. Ein Exemplar dieses großen, medizinischen Instrumentes befindet sich auch in der Sammlung des Deutschen Orthopädischen Geschichts- und Forschungsmuseums in Frankfurt. Es handelt sich bei ihm um eine Ausführung des Modells E52 der Drägerwerke in Lübeck. Lange Jahre stand die Maschine auf dem Dachboden der orthopädischen Klinik Friedrichsheim, die sich ebenfalls in Frankfurt befindet, bevor sie 1998 im Zuge der Neueröffnung des Museums dem Bestand der Sammlung hinzugefügt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Produktion der Geräte bereits seit 30 Jahren eingestellt worden. Impfstoffe gegen die Polioerkrankung und moderne Beatmungsgeräte hatten ihren Einsatz obsolet gemacht, obwohl einige Patienten, unter ihnen June Middleton, bis nach der Jahrtausendwende weiterhin von ihnen beatmet wurden – nach eigenen Aussagen hatten sich viele Patienten bereits derart an die Eiserne Lunge gewöhnt, dass sie diese den neuartigen Methoden vorzogen.

Das hiesige Objekt wurde wohl kaum über einen solch langen Zeitraum verwendet. Es zeigt aber dennoch gut, wie es früher einmal funktioniert hat. Der Körper des Patienten lag dabei bis zum Kopf in einer schmalen, röhrenartigen Kammer, die kaum Bewegungsmöglichkeiten bot. Der Kopf bettete sich, vom hermetisch isolierten restlichen System gesondert, in einer Art Taucherglocke am Ende der Stahlröhre. Durch rhythmische Kompression und Dekompression des Luftdrucks wurde der Brustkörper dann derart in regelmäßige Bewegung gebracht, dass über die Atemwege Luft in den Körper gelangte. Entlang der Hülle des Apparats befanden sich außen eine Vielzahl an Regulierschrauben, Ventilen und Messanzeigen, die wie der Rest der Maschine mit Strom betrieben wurden. Für den Fall eines Stromausfalles besaß diese Ausführung zudem die Möglichkeit des Handbetriebes, außerdem signalisierte ein Alarmsystem einen zu starken oder zu schwachen Luftdruck innerhalb der Kammer.

Heute wirkt die Eiserne Lunge vielleicht ein wenig wie ein Relikt, das bloß die futuristischen Vorstellungen seiner Zeit repräsentiert. Tatsächlich revolutionierte sie aber den medizinischen Umgang mit Atemeinschränkungen und ging kurz nach dem Zeitpunkt ihrer Erfindung in den 1930er Jahren in die Massenproduktion. Die heute verwendeten Methoden zum Entgegenwirken von Atemproblemen erlauben es den Patienten, aufzustehen und sich fortzubewegen. Die Eiserne Lunge dient unterdessen nur noch als Ausstellungsobjekt. Wenngleich sie also selbst gewissermaßen „liegengeblieben“ ist, veranschaulicht sie doch auf eindrucksvolle Weise eine Methode der künstlichen Beatmung, die zum Erfolg gebracht wurde und von medizinhistorischer Relevanz ist.

Till Landzettel war im Wintersemester 2012/13 Student der Philosophie. Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“.

Literatur

Irene Meichsner: Geburt der Apparatmedizin, Deutschlandradio 2009, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kalenderblatt/1030312/ (Zugriff: 16.01.2013).

Ludwig Zichner, Michael Rauschmann, Klaus-Dieter Thomann (Hg.): Orthopädie – Geschichte und Zukunft, Ausst. Kat. Deutsches Orthopädisches Geschichts- und Forschungsmuseum, Darmstadt 1999.