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Fotoarchiv – Frobenius-Institut

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SW-Fotografie

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Signatur

Inv. Nr. FoA 09-10812

Datierung

1928–1930

Maße

H 9, B 12 cm (Format des Originalnegativs)

Material

Zellulosenitrat-Film

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SW-Fotografie

© Frobenius-Institut

Schatten auf tanzende Boys

von Nina Müller

Eine Gruppe junger Männer steht mit dem Rücken zum Fotografen im Kreis zusammen. In ihren Händen halten sie Äxte, die sie – ihre Gesichter zueinander gewandt – über ihren Köpfen schwingen. Eine dörfliche Kulisse ist an zwei Lehmhütten im Hintergrund erkennbar. Dominierende lange Schatten in der unteren Bildhälfte stechen dem Betrachter sofort ins Auge und bewirken eine Identifikation mit dem Fotografen: einerseits als Dokumentar des fotografierten Geschehens, andererseits durch den geschlossenen Kreis der Personen als außenstehend und isoliert. Auf dem Boden liegendes Gepäck am linken Bildrand weist auf eine möglicherweise kürzlich zurückliegende Ankunft, eine bevorstehende Abreise oder eine Pause hin.

Diese Schwarz-Weiß-Fotografie kann allgemein als charakteristisch für die Rolle des feldforschenden Ethnologen interpretiert werden, denn das Erscheinen des Forschungsreisenden auf einem von ihm selbst aufgenommenen Foto verweist auf seine ambivalente Funktion: Als Beobachter, der außerhalb des Geschehens zu sein scheint, aber gleichzeitig – sicherlich damals unbewusster als heute – Einfluss auf das zu untersuchende „Feld“ ausübt. Zur damaligen Zeit arrangierten Forscher oftmals Szenen, in denen die Kultur der zu Untersuchenden repräsentiert werden sollte. Die hier abgelichtete Männergruppe steht zwar im Zentrum der Fotos und der Fotograf eher am Rand. Aber dennoch lässt der starke Schattenwurf die vorhandene Machthierarchie sichtbar werden.

Der Forscher, der nicht neutral und objektiv seine Forschung durchführen kann, gliedert sich ein und wird somit Teil des sozialen Gefüges. Die Bestrebung sich einem kulturellen Phänomen mittels teilnehmender Beobachtung zu nähern, stellt oftmals eine persönliche Herausforderung dar. Es herrscht eine gewisse Distanz, die es zu überwinden gilt um die vorgefunden kulturellen Phänomene und Muster verstehen zu können. So lautet zumindest das Ideal des feldforschenden Ethnologen. In diesem Bild wird sie jedoch durch das Nicht-Mittanzen des schattenwerfenden, eindeutig am Tropenhelm zu erkennenden europäischen Forschers deutlich. Zudem steht seine starre Körperhaltung im Gegensatz zu der als Unschärfe wahrnehmbaren Tanzbewegung der jungen Männer, die eine entspannte und ausgelassene Stimmung inmitten der morgendlichen oder abendlichen Sonne vermitteln. Der Betrachtende muss das Foto im Kontext seiner Entstehungszeit sehen, die vom europäischen Kolonialismus in Afrika geprägt war und von einem evolutionistischen Weltbild dominiert wurde. Man kann die europäische Präsenz und die wirtschaftliche Ausbeutung auch metaphorisch in diesem Foto wiederfinden: Die Europäer werfen ihre Schatten auf die vor Ort vorgefundene Welt und beeinflussen sie bis heute.

Unklar ist, in welchem Kontext der auf der Fotografie wiedergegebene Tanz stattgefunden hat. Fest steht, dass die Aufnahme aus dem Zeitraum zwischen 1928 und 1930 bei Matembe in Zimbabwe stammt und während der neunten, von Leo Frobenius (1873–1938) durchgeführten Expedition in das südliche Afrika entstand. Frobenius beabsichtigte die „Konservierung" der afrikanischen Kulturen, womit er materielle Gegenstände, orale Traditionen, Feste und Tänze meinte. Dennoch verrät ein Detail in diesem Foto das problematische Spannungsfeld zwischen Dokumentieren und Inszenieren: Der am rechten unteren Bildrand stehende Schatten eines Stativs bezeugt, dass es sich nicht um einen zufälligen Schnappschuss handelt, sondern um eine geplante Inszenierung.

Seit Ende der 1990er Jahre wurden die Fotografien aus den Expeditionen und Reisen des Frobenius-Instituts in einfacher Form erfasst und in eine Bilddatenbank eingespeist. Seit 2009 ist sie für die Online-Recherche freigegeben. Die heutige Auseinandersetzung dient vielfältigen Zwecken. So haben durch die Digitalisierung auch Menschen aus den Herkunftsländern der Fotografien einen vereinfachten Zugang zu historischen Aufnahmen ihrer Heimat und können diese für wissenschaftliche Auseinandersetzungen nutzen und somit das Deutungsspektrum des Abgebildeten erweitern. Welche Vergangenheit ihrer eigenen Kultur sie damit rekonstruieren werden, bleibt die offene und spannende Frage.

Die Autorin ist M. A. der Ethnologie. Der Text entstand 2014 im Rahmen der Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen an der Goethe Universität“ und wurde im Katalog veröffentlicht.

Literatur

Andreas Ackermann, Ute Röschenthaler, Peter Steigerwald (Hg.): Im Schatten des Kongo. Leo Frobenius. Stereofotografien von 1904–1906, Ausst. Kat. Museum der Weltkulturen Frankfurt am Main, Frankfurt a. M. 2005.

Frobenius-Institut (Hg.): Das Frobenius Institut an der Johann Wolfgang Goethe-Universität 1898–1998, Frankfurt a. M. 1998.

Holger Jebens: Herbarium der Kultur. Ethnographische Objekte und Bilder aus den Archiven des Frobenius-Instituts, Frankfurt a. M. 2011.

Richard Kuba, Musa Hambolu: Nigeria 100 years ago – through the eyes of Leo Frobenius and his expedition team, Frankfurt a. M. 2010.

http://bildarchiv.frobenius-katalog.de/ (Zugriff: 20.03.2014).