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Sammlung der Dr. Senckenbergischen Anatomie – Universitätsklinikum

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Sammlung von Schädeln und Schädelfragmenten in einer Vitrine

Kategorien

Datierung

20. Jahrhundert

Material

Knochen

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Sammlung von Schädeln und Schädelfragmenten in einer Vitrine

© Foto: Uwe Dettmar, Copyright: Abt. Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität

„Friedlicher Mitbewohner jeder medicinischen Studierstube“

von Nicki Polzer

„Pssssst! Hallo Sie da, ja, genau Sie! Sie wundern sich bestimmt darüber, dass ich Sie so einfach anspreche. Doch schließlich betrachten Sie mich nun schon eine geraume Zeit und fragen sich sicherlich, was mich hier in diese Sammlung verschlagen hat. Einst zierte ich den Hals einer stolzen Frau! Oder doch eines Mannes? Ich weiß es nicht mehr. Es ist schon zu lange her. Ich war nicht sehr groß und wohl von zierlicher Statur. Wie lange ich schon ohne meinen Körper verweile? Auch das ist mir nicht mehr bekannt. Ich bin im Jahre 1961 in die Inventarliste der Sammlung aufgenommen worden, aber was heißt das schon. Meine zahlreichen Abnutzungen und Beschädigungen lassen auf eine bewegte Vergangenheit schließen, wie sie vom Lagern in einem Grab und dem häufigen Kontakt mit menschlichen Händen entstehen können. Ein wissbegieriger Mensch schrieb mir den Satz ‚Memento Mori’ auf die Stirn und ich schmückte wohl einige Zeit die Stube des Selbigen – ganz nach dem Motto, das der im 19. Jahrhundert weltbekannte Anatom Josef Hyrtl in seinem Standard-Lehrbuch formulierte: ‚Ein gefasstes Skelet soll, so möchte ich es wünschen, ein friedlicher Mitbewohner jeder medicinischen Studirstube sein’ [Hyrtl: S. 257, § 94]. Ich wurde stets gerne herumgezeigt und in die Hand genommen, vermessen und gewogen, verglichen und bestimmt. Gesunde Ausprägungen wurden von kranken unterschieden und mögliche Krankheitsbilder erläutert. Mein kläglicher Erhaltungszustand ist also das typische, billigend in Kauf genommene Risiko eines anatomischen Lehrstücks.“

Dieses Zwiegespräch eines Schädels mit einem fiktiven Betrachter ist an den Dialog zwischen Menippos und Hermes bei dem antiken Satiriker Lukian (120–180 n. Chr.) angelehnt, wenn Menippos sagt „Ich sehe nichts als Knochen und kahle Schädel, an denen nichts zu unterscheiden ist“ (Lukian: S. 398). Entgegen dieser Aussage lassen sich aber sehr wohl Rückschlüsse bei der Betrachtung eines Knochens, wie dem Schädel, ziehen. Er ist Teil einer Ansammlung von Schädeln und Schädelfragmenten in einer Vitrine der Sammlung der Dr. Senckenbergischen Anatomie. Die Sammlungsstücke wurden dem Institut als freiwillige Körperspenden zugeführt, dienten jahrelang der Ausbildung von Studierenden, können aber diesen ursprünglichen Verwendungszweck aufgrund von Beschädigungen oder zu starken Abnutzungen inzwischen nicht mehr erfüllen und fanden so in der Vitrine eine vorläufige letzte Bleibe. Zuvor aber erwiesen sie vielen Studierenden einen wichtigen Dienst, lassen sich doch aus der Betrachtung und Betastung von Schädeln zahlreiche Rückschlüsse ziehen.

Alter, Geschlecht, Krankheiten, Deformierungen, Traumata, Umwelteinflüsse und Todesursache sind einige mögliche Erkenntnisse, die sich mit Abbildungen nur schwer vermitteln lassen. Jedoch stellen diese nicht immer absolute Gewissheiten dar. Vielfach lassen sich auf Basis der beobachteten Robustheit oder Grazilität, Dicke und Stärke der Knochenelemente sowie bestimmter farblicher oder morphologischer Veränderungen oder Beschädigungen nur Vermutungen anstellen.

Die Vitrine, welche diese Ansammlung von Schädeln und Fragmenten beherbergt, kann somit als potentielle Schatztruhe menschlicher Geschichten herangezogen werden. Das hier gewählte Beispiel verdeutlicht aber auch die Grenzen der Bestimmung: Der Schädel ist klein und könnte von seinen Merkmalen her sowohl einer Frau als auch einem zierlichen Mann gehören. Die Person scheint ein junger Erwachsener gewesen zu sein, was sich aus dem Abnutzungsgrad der Zähne schließen lässt. Ohne dazu gehörende Langknochen bleiben Bestimmungen hinsichtlich der Körpergröße jedoch ungenau. Es handelt sich somit nur um Näherungen an den ursprünglichen Menschen und dessen Eigenschaften. Vor allem aber fehlen die markanten Gesichter, die mehr vom Charakter des Verstorbenen verraten könnten. Freude, Wut, Trauer und Leid – all diese Merkmale und Eigentümlichkeiten spiegeln sich im menschlichen Antlitz wider. Doch gehen viele davon mit unserem Tod und dem natürlichen Zerfall des Körpers verloren. Ohne Geschichten und Erzählungen noch lebender Menschen werden wir zu entpersonalisierten Objekten. Und wer weiß, vielleicht enden wir auch dereinst als Lehrstück in einer Vitrine.

Der Autor war im Wintersemester 2012/13 Student der Vor- und Frühgeschichte. Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ und wurde im Katalog der Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe Universität“ veröffentlicht.

Literatur

Michael Hagner: Anthropologische Objekte. Die Wissenschaft von Menschen im Museum, in: Dingwelten. Das Museum als Erkenntnisort, hg. v. Anke te Heesen, Petra Lutz, Köln, Weimar, Wien 2005, S. 171–186.

Joseph Hyrtl: Lehrbuch der Anatomie des Menschen. Mit Rücksicht auf physiologische Begründung und praktische Anwendung, 14. Aufl., Wien 1878.

Lukian. Werke in drei Bänden, hg. v. Jürgen Werner u. a., Bd. 1, Berlin, Weimar 1981, S. 398f.

Daniel Möller: Auf dem Weg zur anthropologischen Wissenschaft. Historische Schädelsammlungen in Deutschland, in: Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen, hg. v. Wilfried Rosendahl, Regensburg 2011, S. 303–308.

Michael Viebig: Zu ausgewählten Problemen der Leichenbeschaffung im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel der halleschen Anatomie, in: Anatomie und Anatomische Sammlungen im 18. Jahrhundert. Anlässlich der 250. Wiederkehr des Geburtstages von Philipp Friedrich Theodor Meckel (1755–1803), hg. v. Rüdiger Schultka, Berlin 2007, S. 477–493.

Helmut Wicht: Der knöcherne Schädel. Anatomische Annotationen, in: Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen, hg. v. Wilfried Rosendahl, Regensburg 2011, S. 23–31.