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Oswin-Köhler-Archiv (OKA), Forschungs- und Dokumentationsstelle für Nachlässe in der deutschen und internationalen Afrikanistik – Institut für Afrikanistik

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dìcúpèká-Perücke der Kxoe

Kategorien

Datierung

circa 1960er/1970er Jahre

Maße

Strähnen: circa L 45 cm, Haupthaar: circa L 15, B 30 cm

Material

Entada arenaria (Strauchpflanze), Fell, Muscheln

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dìcúpèká-Perücke der Kxoe

© Jürgen Lechner

„Die Haare müssen ab!"

von Philipp Schweizer

In fast allen Kulturen der Menschheit spielen Haare eine wichtige Rolle. Ob jemand langes oder kurzes, geschmücktes oder ungeschmücktes Haar trägt, kann vielfach von Bedeutung sein. Auch bei vielen Gruppen der Ureinwohner des südlichen Afrika ist das so, wie beispielsweise bei den Kxoé, einer Gruppe der San. Welche Rolle das Haar bei ihnen spielt und warum sie die »dìcúpèká«-Perücke anfertigten, haben sie dem deutschen Afrikanist Oswin R. A. Köhler (1911 – 1996) erzählt.

Es war Ende der 1950er-Jahre, als Oswin Köhler in der Kalahari-Wüste mit den als Jäger und Sammler lebenden Kxoé in Kontakt kam. Er fing an, ihre Sprache zu erforschen und ihre Kultur und Geschichte auf der Grundlage von Selbstzeugnissen der Kxoé zu dokumentieren.

In einer Reihe von Interviews erzählten ihm seine Informanten auch über die Haar- pflege in ihrer Kultur. Sie berichteten Köhler, dass die Männer ihre Haare bis auf wenige Ausnahmen kurz, die Frauen in der Regel lang trugen. Diese sogenannte »múcérèra«-Haartracht bedurfte einer besonderen Haarpflege. Aus der Wurzel einer Strauchpflanze (entada arenaria) wurden Pflanzenfasern gewonnen, die die Frauen zu »l’ê«-Strähnen zwirnten, welche sie dann in das Haupthaar einflochten. Fertig war die Haartracht aber erst mit einem »mbùrúndù«-Scheitelwulst, der aus mehreren »l’ê«-Strähnen mit dem Haar am Scheitel geflochten wurde.

Die »múcérèra«-Haartracht verschwand ungefähr ab den 1970er-Jahren. In den Interviews finden sich dazu unterschiedliche Darstellungen. Der Informant Ndo erzählte Köhler, dass die Männer den Geruch nicht mehr mochten und die jungen Frauen deshalb die Haartracht aufgaben. Er stellte es also wie einen kulturellen Wandel zwischen zwei Generationen dar. Der Informant Gombo war älter und erzählte eine andere Geschichte. Als er jung war, ging er in die Mission zur Schule. Dort gab es einen Laden, in dem die Kxoé-Frauen einkauften und bei dem Essensausgaben stattfanden. Irgendwann verfügte der Pater der Mission, dass an die Frauen mit »múcérèra«-Haartracht kein Essen auszugeben sei und sie auch nichts kaufen dürften, bevor sie sich nicht geschoren und gewaschen hätten. Dabei wurden hygienische Gründe vorgeschoben, während die traditionelle Haartracht aber sicher auch als »heidnisch« und »wild« abgelehnt wurde. Einige der Frauen hätten sich daraufhin geschoren. Das Ausgabeverbot war wahrscheinlich ein wirksames Druckmittel, da die Kxoé und andere San zu diesem Zeitpunkt schon sehr abhängig von externer Versorgung waren. In ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt konnten sie sich nicht mehr auf gewohnte Weise selbst ausreichend ernähren. Ein anderer Informant berichtete von der portugiesischen Hilfspolizei, die den Kxoé mit drastischen Maßnahmen die Haartracht »austrieben«.

Es gab also verschiedene Gründe, die Haartracht aufzugeben. Die Kxoé-Frauen rea- gierten jedenfalls darauf, indem sie anfingen, die »dìcúpèká«-Perücke zu fertigen. Dabei wurden die »l’ê«-Strähnen an einem circa 15 Zentimeter breiten und 30 Zentimeter langen Band aus Fell befestigt. Der breite Streifen Fell imitierte das Haupthaar. Die dünnen geflochtenen Strähnen bildeten das lange Haar, in das kleine Muscheln eingeflochten wurden. Aus Schnüren und Fell entstanden so Haartrachten, die selbstbewusst am Wohnplatz getragen werden konnten, während man beispielsweise zum Gottesdienst mit geschorenem Haar kam.

Einige dieser Perücken nahm Oswin Köhler mit nach Deutschland. Nach seinem Tod gelangten sie mit dem Rest seines Nachlasses in das nach ihm benannte Archiv am Institut für Afrikanistik in Frankfurt am Main. Die Lebenswelt der Kxoé, wie sie Köhler noch kennengelernt hat, existiert nicht mehr. Die Kxoé müssen heute ihr Geld als Tagelöhner verdienen. Somit verschwindet nicht nur eine 3.000 Sprecher umfassende Sprache, sondern mit dem Kxoé verschwindet auch ein riesiger Erfahrungsschatz.

Der Autor war im Sommersemester 2013 Student der Geschichte. Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ und wurde im Katalog der Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe Universität“ veröffentlicht.

Literatur

Oswin Köhler: Die Welt der Kxoe-Buschleute im südlichen Afrika. Eine Selbstdarstellung in ihrer eigenen Sprache, Bd. 3, Berlin 1989.

M. Paul Lewis, Gary F. Simons, Charles D. Fennig (Hg.): Ethnologue. Languages of the World, Dallas 2013.

http://www.ethnologue.com (Zugriff: 05.03.2014).

http://oka.uni-frankfurt.de (Zugriff: 05.03.2014).