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Sammlung Crustaceen – Senckenberg Forschungsinstitut

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Dromia vulgaris mare mediterraneum

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Signatur

Inv. Nr.: 5610

Urheber

Krabbe von Carl von Rothschild

Datierung

1824

Maße

H 7, B 16, T 11 cm (Kasten)

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Dromia vulgaris mare mediterraneum

© Foto: Tom Stern, Copyright: Abt. Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität

Ein haariges Geschenk

von Michael Schwinn und Ferial Michel

Lange Gänge, Sammlungsschränke beachtlicher Größe, glatte Glasgefäße, alle randvoll gefüllt mit Alkohol, um dem Verfall entgegenzuwirken. Ab und zu eine Wollmaus. Genau wie die versteckt sich unser wertvolles Geschenk in einem Regal, diesmal ohne Glasgefäß. Hier befindet sich die Trockensammlung der Krebstiersektion (Crustaceen) von Senckenberg, eine der ältesten des Institutes. Seit beinahe 200 Jahren wartet unsere getrocknete Wollkrabbe auf ihren großen Auftritt.

Der Woll- oder auch Schwammkrabbe, wissenschaftlich genannt, wird nun die Ehre zuteil, die einem so imposanten Vertreter seiner Art gebührt. Nicht nur das Äußere der Krabbe, auch die Herkunft und ihr Sammler sind für unser Forschungsinstitut von Bedeutung.

Dieses hier vorliegende Männchen stammt aus dem Mittelmeer, genauer aus der Region um Neapel. Sein Alter kann nur geschätzt werden, aber vermutlich erreichte dieses ausgewachsene Exemplar ein Alter von etwa zehn Jahren. Auf seiner Oberfläche sieht man bis heute die kurzen, braunen, samtigen Härchen, die die ganze Krabbe bedecken und bis auf einige Abriebstellen gut erhalten sind. Der Panzer des wollmaskierten Krebses misst etwa 6,5 Zentimeter in der Breite und 5,5 Zentimeter in der Länge. Eine auffällige Besonderheit seines Körperbaus ist die geringe Länge des vierten und fünften Beinpaares und deren Positionierung auf der Rückseite. Zusätzlich befinden sich an den letzten Gliedern dieser beiden Beinpaare kleine Scheren. Diese speziellen Anpassungen versetzen die Krabbe in die Lage, mit den beiden Beinpaaren Schwämme oder Manteltiere zu greifen und diese zwecks Schutz und Tarnung über ihren Körper zu halten. Diese Methode der Tarnung findet sich noch bei einigen weiteren Krabbenarten und wird als kryptische Mimikry bezeichnet.

Unser Tier entstammt aus einer Spende von Carl Meyer von Rothschild (1788–1855) an die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft aus dem Jahr 1823 und ist somit eines der ältesten Exemplare aus der Crustaceen-Sammlung. Carl Meyer von Rothschild, der jüngste Sohn von Mayer Amschel Rothschild (1744–1812), des Begründers der Rothschilddynastie, eröffnete im Jahr 1820 in Neapel die italienische Dependance des Bankhauses und lebte dort auch zeitweise. Die Schenkung enthielt neben Krebstieren noch Fische und Vögel aus der Region um Neapel. Carl Mayer von Rothschild galt als wissenschafts- und kunstbegeisterter Mensch, der gerne und oft spendete.

Die noch lebenden Artgenossen der senckenbergischen Wollkrabbe findet man in der westlichen und südlichen Nordsee, im Ärmelkanal, der Biskaya und im Mittelmeer. Auch im Ostatlantik bei den Azoren und an der Westküste Afrikas bis zur Sahara kommen sie vor. Die haarigen Krabben leben gerne auf sandigen bis felsigen Untergründen und bevorzugen Gebiete, wo sich Höhlen befinden, in denen sie sich verstecken können. Man trifft sie von der Gezeitenzone bis zu einer Tiefe von 100 Metern.

Der früher benutzte wissenschaftliche Name der Wollkrabbe, Dromia vulgaris, ist bis heute auf dem Etikett zu lesen. Nach dem heute gültigen Namensvergabesystem wird die Art als Dromia personata bezeichnet. Der Grund für diese Änderung ist, dass in der zoologischen Namengebung immer der älteste einem Naturgegenstand gegebene Name der gültige ist. Der Artname personata wurde bereits 1758 durch Carl von Linné (1707–1778) in seinem Werk „Systema Naturae“ vergeben und ist damit deutlich älter als der 1837 durch Henry Milne-Edwards (1800–1885) eingeführte vulgaris. Die Artbezeichnung personata leitet sich vom lateinischen personatus ab, das heißt maskiert oder verkleidet, und spielt auf die oben beschriebene besondere Methode der Tarnung an.

Solche historischen Exemplare sind auch heute noch von besonderer Bedeutung, wenn es um die Klärung des damaligen Vorkommens der Arten geht. Sie besitzen außerdem einen besonderen kulturellen Wert, dokumentieren sie doch, was frühere Generationen von Forschern zur Grundlage ihrer Arbeiten machten und wie sich Benennungssysteme im Laufe der Zeit änderten.

Michael Schwinn ist Diplombiologe und Ferial Michel ist Master in Biologe. Der Text entstand im Rahmen der Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe Universität“ und wurde im Katalog veröffentlicht.

Literatur

Roberto Bedini, Maria Grazia Canali, Andrea Bedini: Use of camouflaging materials in some brachyuran crabs of the Mediterranean infralittoral zone, in: Cahiers de Biologie Marine, 44. Jg. 2003, S. 375–383.

Waldemar Kramer: Chronik der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft 1817–1966, Frankfurt a. M. 1967, S. 169–571.