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In der Sammlung

Edinger-Tiergehirnsammlung mit Edinger-Bibliothek – Neurologisches Institut (Edinger-Institut), Universitätsklinikum Goethe- Universität

Neuropathologisches Feuchtpräparat eines Gehirns mit „Astrozytom“

Kategorien

Signatur

Inv. Nr. Nr. 409

Datierung

undatiert

Maße

H 17, B 20, T 9 cm

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Neuropathologisches Feuchtpräparat eines Gehirns mit „Astrozytom“

© Foto: Uwe Dettmar, Copyright: Abt. Marketing und Kommunikation, Goethe-Universität

Ein Gehirnpräparat wird zum Zeitzeugen des medizinischen Fortschritts

von Johannes Waller

Ein martialisch anmutendes und doch erhebliche Präzision erforderndes Verfahren war notwendig, um den Blick in das Innere des menschlichen Gehirns freizugeben: Die Schädelkalotte wurde mit Hilfe einer Säge eröffnet und von der harten Hirnhaut getrennt. Nun fiel der Blick frei auf das Gehirn, das – lediglich noch von seinen Häuten bedeckt – der Schädelbasis aufliegt. Speziellen Algorithmen folgend, wird das Gehirn in Scheiben aufgearbeitet. Das Ergebnis ist dieses Präparat, ein sagittaler, in Längsrichtung geführter Schnitt durch eine Gehirnhemisphäre. Eingelegt in Konservierungsflüssigkeit und eingefasst in einem luftdichten Glas, wird es mit mehreren tausend weiteren Gehirnpräparaten in der Sammlung des Edinger-Instituts für Hirnforschung an der Frankfurter Universitätsklinik aufbewahrt. Nur wenige dieser Präparate zeigen gesunde Gehirne. Vielmehr handelt es sich um eine neuropathologische Sammlung, die überwiegend aus Präparaten krankhaft veränderter Gehirne besteht.

Bei dem Gehirn, aus dem das Präparat hergestellt wurde, hatte sich im vorderen Teil (Frontallappen) inmitten des Nervengewebes ein Hirntumor gebildet, der durch den sagittalen Schnitt deutlich zu erkennen ist. Da den Zellen, von denen der Tumor ausging, im gesunden Zustand sternförmig erscheinende Stützzellen des Gehirns entsprechen, bezeichnet man diese besondere Tumorart als Astrozytom. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die bösartigste Variante eines Astrozytoms, um ein Glioblastom. Unglücklicherweise sind diese Tumoren am häufigsten unter der Gruppe der Hirntumoren und auch heute noch trotz aller Therapiemöglichkeiten mit einer sehr schlechten Prognose verbunden. Dies ergibt sich unter anderem aus ihrer Eigenschaft, diffus und ohne scharfe Abgrenzung in das umliegende Gewebe vorzudringen. An den Grenzen des Glioblastoms liegen Zellen des gesunden Gewebes mit den Tumorzellen in einer Art Mischgewebe vor, was eine komplette Entfernung dieses Tumors unmöglich macht. Im Gegensatz zu Tumoren der Hirnhäute, sogenannten Meningeomen, die von Hirnchirurgen meist in ihrer Gesamtheit entfernt werden können, bleiben auch nach totaler operativer Entfernung von Glioblastomen immer noch einzelne Tumorzellen zurück, die dann zum Nachwachsen des Tumors führen. Aus diesem Grund werden diese Tumoren zusätzlich mit einer Kombination aus Bestrahlungs- und Chemotherapie behandelt.

Wann das Präparat in die Sammlung gelangte ist ebenso unbekannt wie der Name des Verstorbenen. Die Beschriftung „Nr. 409“ lässt vermuten, dass es nicht zu den ersten Schnitten gehörte, die zwischen 1948 und 1978 am Edinger-Institut hergestellt wurden. In dieser Zeit baute der Leiter der neuropathologischen Abteilung der Universitätsklinik, Wilhelm Krücke (1911–1981), diese Feuchtpräparatesammlung krankhaft veränderter menschlicher Gehirne auf.

Zweck der Sammlung war und ist die vergleichende Anschauung für die Lehre. So dient auch der hier beschriebene Schnitt durch ein Astrozytom der Sichtbarmachung einer speziellen Tumorpathologie und ermöglicht den Vergleich mit anderen Krankheitsbildern am menschlichen Gehirn. Dass viele Objekte der Sammlung inzwischen vornehmlich historischen Wert haben und frühere Entwicklungsstadien der Medizin dokumentieren, ist eine direkte Folge der Zielsetzung medizinischer Forschung. Exponate von ausgedehnten Infektionskrankheiten des Gehirns, wie unter anderem der Tuberkulose, entstehen hierzulande kaum mehr, da diese Krankheiten häufig bereits in frühen Entwicklungsstadien diagnostiziert und behandelt werden können oder aber nach erfolgter prophylaktischer Therapie bei gefährdeten Patienten erst gar nicht ausbrechen. Insofern spiegelt die Sammlung des Edinger-Instituts eindrucksvoll ein Stück Medizingeschichte wider. Trotz solcher Fortschritte ist jedoch das mit Präparat Nr. 409 exemplarisch vorgestellte Krankheitsbild eines Glioblastoms auch heute noch nicht heilbar und eine stete Herausforderung für die gegenwärtige Forschung am Neurologischen Institut.

Johannes Waller war im Sommersemester 2012 Student der Geschichte und Lateinischen Philologie. Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ und wurde im Katalog der Jubiläumsausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe-Universität“ veröffentlicht.

Literatur

Gerald Kreft: Deutsch-Jüdische Geschichte und Hirnforschung. Ludwig Edingers Neuropathologisches Institut in Frankfurt am Main, Frankfurt a. M. 2005.