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Sammlung der Dr. Senckenbergischen Anatomie – Universitätsklinikum

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Feuchtpräparat eines Craniothoracopagen

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Signatur

X1 57.6.

Datierung

1950er Jahre

Maße

ca. H 50, B 30, T 40 cm

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Feuchtpräparat eines Craniothoracopagen

© Uwe Dettmar; Aus Gründen des Respekts zeigen wir die Abbildung des Fötus nicht in ihrer vollen Auflösung.

Craniothoracopagen oder doch eng umschlungene Geschwister?

von Nicki Polzer

Craniothoracopagen sind eine Spielart der siamesischen Zwillinge und wirken durch ihre äußere Gestalt mitunter sehr stark auf den Betrachter, dessen Emotionen meist zwischen Neugierde, Interesse und Abscheu schwanken dürften. Doch ist bei genauerer Betrachtung ein ganz anderes Bild zu gewinnen: Das Bild zweier Individuen in inniger Umarmung und von solch körperlicher und seelischer Verbundenheit, wie sie auf der Welt nur in seltenen Fällen gefunden werden dürfte.

Bei diesem Craniothoracopagen aus der Sammlung der Dr. Senckenbergischen Anatomie sind das Cranium und der Thorax miteinander verbunden, die Extremitäten sind separat ausgebildet. Er stammt aus den fünfziger Jahren und starb bereits wenige Tage nach der Geburt. Eingegangen in die Sammlung ist er als Schenkung von Dr. Lutwin Beck (* 1927), einem Gynäkologen der Wuppertaler Landesfrauenklinik, der nach Kriegsende in Frankfurt studierte, an Prof. Dr. Dietrich Starck (1908–2001), an den damaligen Leiter der Anatomischen Sammlung Frankfurt.

In der Sammlung finden sich viele solcher Schenkungen, sie sind wesentlich für den Bestand. Die meisten sind über persönliche Kontakte oder im Rahmen von Forschungsprojekten sowie für die Lehre zur Verfügung gestellt worden. Doch der Begriff der „Schenkung“ ist für die Anatomische Sammlung noch weiter zu fassen: Die Praxis der Überlassung des eigenen Körpers im Todesfall ist ebenfalls ein wichtiger Faktor im Sammlungsaufbau. In der anatomischen Lehre werden regelmäßig gespendete Körper eingesetzt; die Spender können festlegen, ob ihre Körper im Anschluss an die Verwendung in der Lehre bestattet werden oder als Präparat in die Anatomische Sammlung aufgenommen werden.

Anders als die selbstbestimmten Körperspenden von Erwachsenen gelangen die Körper von Föten und Kleinstkindern aufgrund der Einverständniserklärung der Eltern in die Sammlung. Besonders Zwillings- oder Mehrlingsföten in ihren verschiedenen Formen und Stadien sind in Hinblick auf Präventions- und Vorbeugungsmaßnahmen vor negativen Veränderungen von Föten im Mutterleib von großem wissenschaftlichen Interesse.

Im harmlosesten Falle sind nur zarte Gewebebrücken oder Haut die verbindenden Elemente der siamesischen Zwillinge. Eine Extremform kann aber auch ein Mensch mit zwei Köpfen sein, wobei diese Spielart nur eine sehr geringe Lebensfähigkeit besitzt und das Gegenteil des hier vorgestellten Präparats darstellt. Verursacht wird die Doppelbildung durch eine nicht vollständige Trennung der beiden Keimanlagen, so dass sich ihre Wirkungsfelder überlagern. In der Reihe möglicher Verbindungen und Trennungen von Zwillingen befinden sich eineiige, vollständig getrennte Zwillinge an einem Ende des Spektrums, an dessen anderem Ende der aus zwei Hälften bestehende, mit sich selbst identische Mensch steht. Dieser ist somit eigentlich die Extremform einer siamesischen Missbildung. „Sind wir eines, so sind wir zwei Hälften, die vollständig ungetrennt blieben. Sind wir zwei, so sind wir eines, das vollständig getrennt wurde“, so bringt es Helmut Wicht, der heutige Leiter der Anatomischen Sammlung, in einem Artikel über Präparate von Missbildungen auf den Punkt.

Die Craniothoracopagen der Anatomischen Sammlung in Frankfurt stellen aber auch in anderer Hinsicht eine kleine Besonderheit dar. Anders als sonst üblich bei siamesischen Zwillingen, die nicht über zwei Köpfe verfügen, wurden sie in der Sammlungsdokumentation als zwei weibliche Menschen beschrieben. Möglicherweise handelt es sich um einen bloßen Schreibfehler, vielleicht erkannte Dietrich Starck in diesem Fötus aber auch zwei Lebewesen und zwei Seelen. Vielleicht berührte ihn die innige Umarmung dieser Wesen und er verstand diese als Ausdruck einer Interaktion zweier eng verbundener Menschen, zweier Individuen, die die Nähe des jeweils anderen suchen.

Der Autor war im Wintersemester 2012/13 Student der Vor- und Frühgeschichte. Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“.

Aus Gründen des Respekts zeigen wir die Abbildung des Fötus nicht in ihrer vollen Auflösung.

Literatur

Dietrich Starck: Embryologie. Ein Lehrbuch auf allgemeinbiologischer Grundlage, Stuttgart 1975.

Helmut Wicht, Nichts für zarte Seelen, http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/912881&_z=798884 (letzter Zugriff am 22.11.2007).