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Oswin-Köhler-Archiv (OKA), Forschungs- und Dokumentationsstelle für Nachlässe in der deutschen und internationalen Afrikanistik – Institut für Afrikanistik

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„Hinterschurz“ der Kxoé mit Patronenhülsen

Kategorien

Datierung

vermutlich Bwátà, West-Caprivi, nach 1960

Maße

ca. B 40 L 80 cm

Material

Duckerfell, Perlen, Patronen-Hülsen, Schnüre

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„Hinterschurz“ der Kxoé mit Patronenhülsen

© Oswin-Köhler Archiv

Spuren eines verheerenden Krieges

von Philipp Schweizer

Dieses in der Sammlung des Kölner Afrikanisten Oswin Köhler (1911–1996) am Institut für Afrikanistik aufbewahrte Ducker-Fell benutzten die Kxoé, eine Volksgruppe der San, als Schurz. An den oberen Ecken läuft das Fell in kurzen, an den unteren Ecken in langen Zipfeln bzw. Streifen aus. Das Fell ist reich verziert, mit Perlen und Patronenhülsen. Zwischen 16 und 20 kleine Perlen in rot, blau, grün, lila, braun, schwarz und weiß sind auf eine Schnur gefädelt. Etwa 32 von diesen Perlenschnüren sind mit dem oberen Ende in der Mitte des Fells angebracht, sodass sie frei schwingen können. Weitere 20 hängen am unteren Ende des Fells, an 13 von ihnen wurden unterhalb der letzten Perle Patronenhülsen mit auf die Schnüre gefädelt. Die Hülsen dieser großkalibrigen Armeemunition sind fast 10 cm lang.

Seit 1920 übte Südafrika eine militärische Besatzung über Südwestafrika (ehemals Deutsch-Südwestafrika) und heute Namibia, aus. Seit den 1950er Jahren bildeten sich Unabhängigkeitsbewegungen heraus, darunter 1960 auch die SWAPO (South-West Africa People’s Organisation), die zunächst nur politisch, ab 1966 auch militärisch für die Unabhängigkeit Südwestafrikas kämpfte. Die SWAPO operierte von Angola und Sambia aus, wo sie ihr Hauptquartier hatte, das 1978 von der südafrikanischen Armee bombardiert wurde. Regelmäßig überfiel Südafrika seitdem den Nachbarstaat Angola mit Bodentruppen und hielt zeitweise angolanisches Territorium besetzt – eine völkerrechtswidrige Einmischung in die inneren Angelegenheiten des seit 1975 unabhängigen Angolas.

Auch die Volksgruppe der San, zu der die Kxoé gehören, blieb von diesen Kriegen nicht unberührt. Südafrika hatte in Südwestafrika eine Politik der Separierung von Bevölkerungsgruppen betrieben. Dabei versuchten sie, die San-Gruppen in ihrer Bewegungsfreiheit stark einzuschränken. Ihre Territorien wurden auf kleine Reservate begrenzt, der Grenzübertritt nach Botswana und Angola verboten, die vorher engen Beziehungen der unterschiedlichen San-Gruppen zerstört. Sie durften nicht mehr jagen und fanden nicht ausreichend Nahrung in ihrer Umgebung, weil sie ihr nicht „hinterher ziehen“ durften. In dieser Situation war es ein Leichtes, die Männer der San für das südafrikanische Militär zu rekrutieren. Mit Geschenken und Versprechungen gelang es den Werbern, mehrere hundert San für den Militärdienst zu gewinnen. Die Männer wurden eingezogen und mitsamt ihren Familien in den Lagern „Omega“ und „Buffalo“ im West-Caprivi untergebracht, wo sie versorgt wurden. Ursprünglich wollte das Militär die San nur als Melder einsetzen, um über Bewegungen von SWAPO im Grenzgebiet zwischen Angola und Südwestafrika rechtzeitig zu erfahren. Sie sollten Spuren lesen und ihre Verwandten und Freunde auf der anderen Seite der Grenze „aushorchen“. Bald aber entstanden die so genannten „Buschmann-Bataillone“, die an vorderster Front und zu Aufklärungsmissionen als Konter-Guerilla eingesetzt wurden.

Darüber, wie die Kxoé-Frau, die diesen Schurz fertigte, zu den Patronenhülsen kam, lassen sich nur Spekulationen anstellen. Vielleicht hatte ihr Mann im Krieg gekämpft und sie ihr mitgebracht? Vielleicht hatte sie die Hülsen aber auch selber gefunden, weil sie überall herumlagen? Welche Bedeutung maß sie ihnen bei, welche Symbolik hatten sie für sie? Wollte sie ihren Stolz auf ihren im Militär kämpfenden Mann demonstrieren? Oder ging es der Frau rein um ästhetische Erwägungen? Aus heutiger Sicht kann man aber auch bittere Ironie in diesen Verzierungen sehen. Denn die Patronenhülsen symbolisieren auch die Kriegsführung des Apartheidregimes, welche zum Untergang der Sprache und Kultur der San beitrug.

Philipp Schweizer war im Sommersemester 2013 Student der Geschichte und der Philosophie. Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“.

Literatur

Susan Hurlich, Richard Lee: From foragers to fighters: South Africa´s militarization of the Namibian San, in: Eleanor Leacock, Richard Lee: Politics and history in band societies, Cambridge 1982, S. 327.

Oswin Köhler: Die Welt der Kxoé-Buschleute im südlichen Afrika: eine Selbstdarstellung in ihrer eigenen Sprache, Band 3, Berlin 1989.

Elizabeth Marshall Thomas: The Harmless People, New York 1989.

Film: Marshall, John. N!ai: the story of a !Kung woman. http://m.youtube.com/watch?v=omIi7x0jOVk