von Bernhard Wirth
Auf einem Tisch in der Universitätsbibliothek liegt halb ausgerollt eine moderne Papyrusrolle, 4,5 Meter lang, hell und mit feinen, dem Material typischen Linien durchzogen. Die Strukturen kann man sehr gut mit den Fingern fühlen. Dass dies kein Papier ist, ist schnell klar. Darauf zu sehen ist eine eher unbekannte Version des Struwwelpeters.
Die Universitätsbibliothek besitzt eine große Sammlung an Struwwelpeter-Ausgaben und -Übersetzungen sowie so genannte Struwwelpetriaden, also Nachahmungen des originalen Struwwelpeters von Heinrich Hoffmann. Bei diesen Struwwelpetriaden handelt es sich entweder um andere Kinderbücher, die dem Erfolg des Werkes nacheifern wollten, oder aber um parodistisch oder propagandistisch veränderte Varianten, wie zum Beispiel den Struwwelhitler.
Die drei Wiener Geschwister Magdalena, Richard und Fritz Netolitzky (damals 21, 20 und 18 Jahre alt) haben 1893/94 für eine enge Bekannte als Dankeschön den „Aegyptischen Struwwelpeter“ geschrieben und gezeichnet. Mit eigenen Reimen im Text und großer Detailverliebtheit bei den Zeichnungen, die sich an Motiven des antiken Ägypten orientierten. Schon sehr bald wurde entschieden, dieses Werk auch zu drucken. Dies besorgte die Firma Nister in Nürnberg für den Verlag Gerold‘s Sohn aus Wien und brachte das Büchlein im Jahr 1895 auf den Markt.
Die einzelnen Seiten des Druckes von 1895 waren so gestaltet, als seien sie auf altem Papyrus gedruckt. Diese Optik animierte 130 Jahre später den Schweizer Struwwelpeter-Forscher und -Sammler Hasso Böhme zu einem Projekt, das die Idee der Netolitzkys in die haptische Realität fortführte: Er wollte den „Aegyptischen Struwwelpeter“ nachdrucken und zwar auf echtem Papyrus. Und tatsächlich: er findet einen Lieferanten für ausreichend Papyrusrollen, auf denen die 17 Abbildungen des Originals Platz finden, sowie einen Drucker, der auf Papyrus drucken kann. Im Sommer 2025 bietet Böhme den Papyrus-Struwwelpeter in Kleinst-Auflage von je 18 deutschen und englischen Exemplaren über den dohaböhme Vertrieb und Verlag zum Verkauf an. Zur Ergänzung ihrer Struwwelpeter-Spezialsammlung hat die UB ein deutsches Exemplar erworben: https://ubffm.hds.hebis.de/Record/HEB532167910
Zum Jahresende 2025 bringt Hasso Böhme außerdem eine Miniatur-Papyrus-Edition des „Aegyptischen Struwwelpeter“ heraus – ebenfalls parallel eine deutsche und eine englische Ausgabe.
Der „Aegyptische Struwwelpeter“ ist ein historisches Zeugnis für die kreativen, kuriosen und exotisierenden Formen der europäischen Populärkultur und gibt einen Einblick in den damaligen „Ägypten-Hype“ in Wien. Er kann als Material dienen, um die Ambivalenz von kulturellem Austausch und die Entstehung von Vorurteilen sichtbar und kritisch diskutierbar zu machen.
Die Entstehungsgeschichte bietet außerdem auch interessante Ansatzpunkte für die Kunstgeschichte (Ikonik, Rezeption), Kulturgeschichte (Gesellschaft, Familie) und Druckgeschichte (Nachdruck-Prozess).
Mehr zur Entstehungsgeschichte des Heftes und eine Einbettung in die vielfältigen anderen Rezeptionen des Struwwelpeters erfährt man in der Begleitbroschüre „Der Aegyptische Struwwelpeter Geschichte und Edition“:
Bernhard Wirth arbeitet in der Abteilung Kuratieren, Fachinformation und Vermittlung der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt am Main.
Die Plattform wurde von der Studiengruppe "sammeln, ordnen, darstellen" am Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften entwickelt und im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten der Goethe-Universität im Jahr 2014 eröffnet. Ihr Aufbau war eng mit der Ausstellung „Ich sehe wunderbare Dinge. 100 Jahre Sammlungen der Goethe-Universität“ verknüpft, die von Oktober 2014 bis Februar 2015 im Museum Giersch der Goethe-Universität zu sehen war. Viele der Objekterzählungen waren auch in der Ausstellung zu lesen und sind im Katalog abgedruckt worden; viele Ausstellungstexte haben wiederum den Weg in die Plattform gefunden. Ebenso wurden die auf der Plattform gezeigten Filme sowie viele der Fotografien eigens für die Ausstellung produziert.
Dr. Judith Blume (heute: Koordinatorin der Sammlungen an der Goethe-Universität)
Dr. Vera Hierholzer (bis 2018; heute: Direktorin des Museums für Industriekultur in Osnabrück)
Dr. Lisa Regazzoni (bis 2020; heute: Professur für Theorie der Geschichte an der Universität Bielefeld)
Sven Winnefeld
www.winkin-verlag.de
FGS Kommunikation – Steffen Grzybek, Martin Schulz GbR
www.fgs-kommunikation.de
Jatinkumar Nakrani
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Dr. Charlotte Trümpler (Projektleitung und Kuratorin; Autorenkürzel: CT)
Dr. Judith Blume (Kuratorin, Autorenkürzel: JB)
Dr. Vera Hierholzer (Kuratorin, Autorenkürzel: VH)
Dr. Lisa Regazzoni (wissenschaftliche Mitarbeit, Autorenkürzel: LR)
Die Fotografien wurden von den einzelnen Sammlungen oder Autoren zur Verfügung gestellt sowie von Tom Stern (Sammlungsräume und Objekte), Uwe Dettmar (Objekte) und Jürgen Lechner (Objekte) angefertigt. Die Nachweise finden Sie bei den entsprechenden Abbildungen. Sollte trotz sorgfältiger Recherche ein Rechteinhaber oder Fotograf nicht genannt sein, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis.
Sophie Edschmidt (Regie und Schnitt)
Philipp Kehm (Kamera)
Philipp Gebbe (Musik)
Dr. Charlotte Trümpler (Idee und Beratung)
